Eine Decke zu viel

Caro war da. Es war so schrecklich.

Nicht wegen dem Spielen, darum ging es nicht.

Wenn sie uns besucht, dann halten wir uns eigentlich immer im unteren Bereich des Hauses auf. Wir haben nichts zu verheimlichen oder so, aber es gibt nie einen Grund  um nach oben zu gehen. Unten ist die Küche, der Wohnbereich, ein Gästebad und auch ein Gästezimmer. Es gibt nie einen Grund, einen Gast nach oben zu führen und das ist auch ganz gut so, denn dann muss man sich über die Ordnung da oben keine Gedanken machen und man kann auch mal Klamotten rumliegen lassen.
Gestern kam es dann dazu, dass sie zum ersten mal wirklich oben war. Sie sah sich dementsprechend etwas neugierig um. Die Zimmertür zu Jannis Zimmer stand offen. Jannis lebte ein paar Jahre bei uns, bis er vor einiger Zeit wieder zu seiner leiblichen Mutter durfte.
„Wem gehört das Zimmer da?“, fragt sie.
Ob Chris ihr wohl mal was von ihm erzählt hat? Ich gucke ihn schnell an. Er guckt zurück. Wir reden auf dem Stammtisch nicht viel über unser Privatleben und ich habe so zwischen Tür und Angel auch eigentlich nicht vor das zu ändern.
„Das ist eine Art Gästezimmer“, erklärt Chris schließlich, aber das Schweigen zwischen ihrer Frage und der Antwort war viel zu lang gewesen.
Wir sind jetzt in unserem Schlafzimmer angekommen, um ihr den angrenzenden Balkon zu zeigen. Sie wirkt verstimmt, Chris fragt was los ist.
„Ich habe das Gefühl, ich dränge mich euch auf.“

Ich hatte mich total scheiße gefühlt. Es fing ja schon bei der Nachricht an, die sie mir geschrieben hatte, wo ich erst Stunden brauchte um zu antworten und dann sagte, dass ich das nicht mit ihr besprechen will. Das klang vielleicht abweisender, als es sein sollte. Und dann das Jannisthema.
Chris nimmt sie erstmal in den Arm und ich stehe blöd daneben und gucke wie ein Auto. Dann sehe ich, dass sie kurz vorm Weinen ist und mein Gehirn verabschiedet sich. Weinende Frauen in meinen Schlafzimmer? Ich bin raus.

Caro tut immer so taff. Tatsächlich ist es sogar das erste Mal, dass ich sie -fast- weinen sehe. Das ist nicht die Caro, die ich sonst kenne, wie soll ich denn mit dieser Caro umgehen? Bitte nicht weinen. Bitte nicht weinen. Chris regelt das grade, aber ich nehme nicht wirklich wahr was sie genau reden, nur einzelne Fetzen.
„Es tut mir Leid, ich muss auch mehr auf dich achten. Aber wenn wir zu dritt sind kommt das wohl immer zu kurz. Es tut mir so Leid.“

Ich bin immer noch ein Auto. Reglos. Ich hupe nicht mal. Ich weiß nicht wie Chris es hinkriegt, sich in solchen Situationen richtig zu verhalten. Ich habe immer das Gefühl, dass alle ihn lieber mögen. Es wundert mich auch eigentlich nicht, wer könnte ihn nicht mögen. Wenn ich das Gefühl habe, dann bin ich meistens eifersüchtig. Heute nicht. Im Moment bin ich eigentlich nur traurig. Caro muss mich hassen. Ein Lachen durchbricht meine Gedanken. Sie lachen. Ein neuer Gesprächsfetzen erreicht mich.
„Außerdem sollst du auch das Saveword benutzen wenn was ist, du Nuss.“
Wie macht Chris das nur? Mein erster Impuls war gewesen, entweder auch zu weinen, oder einfach den Raum zu verlassen. Oder sogar einen Streit anzufangen. Dann wäre ich schnell aus der Situation raus und sie würde nie wieder in unser Schlafzimmer kommen und weinen und ich ich müsste mich nie wieder wie ein Auto auf dem Schrottplatz fühlen.

Chris schlägt vor, dass wir runtergehen und einen Kaffee mit Schuss trinken, um schon mal den ersten Advent zu feiern. Unten sitzen wir auf dem Sofa. Er erzählt ihr von Jannis. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt schon irgendwas gesagt habe seitdem wir wieder unten sind. Nach dem Kaffee geht sie.

„Alles ok?“
Ich drehe mich um und knalle die nächste Tür hinter mir zu. Weiß auch nicht wieso ich sie knalle. War aus versehen. Er kommt mir hinterher.
„Ich weiß, dass dir das grade schwer gefallen ist.“
Ich schreie ihn an.
„Schatz, sie hat Recht.“
„DARUM GEHT ES NICHT.“
Endlich kann ich schreien.
„Eine Freundschaft kann nicht so einseitig sein.“
„WIE KANNST DU NEBEN MIR SITZEN UND MIR ERZÄHLEN, DASS JANNIS NICHT HIER IST.“
Es ist eine ungeschriebene Regel, dass wir nicht darüber reden, außer Jannis ist hier, dann tun wir so, als wäre er immer hier und nie weg gewesen, auch wenn Jannis selbst nicht so tut und uns mit allem was er erzählt wissen lässt, dass er nie hier ist.

„Kannst du bitte deine Stimme senken. Es verletzt mich jedes mal wenn du so mit mir redest.“
„DU KANNST MICH MAL!“
„Schatz, es verletzt mich wirklich wenn du so mit mir redest.“
Ich weiß nicht mehr was ich schreien kann. Man kann schlecht zurück schreien wenn man nicht angeschrien wird, aber auf Wut folgt meist Traurigkeit und ich WILL nicht heulen. Ich will mich streiten.

Ich gehe in Jannis Zimmer und schmeiße die Bettdecke in den Flur. Eine sinnlose Aktion.
Chris folgt mir. Er guckt auf die Bettdecke zwischen uns.
„Willst du heute Nacht da auf dem Boden schlafen, oder…?“
„Nein“, murre ich.
„Wir müssen das Zimmer nicht ausräumen“, sagt Chris nach einer Weile.
„Wieso nicht? Wann hat er denn zuletzt mal hier geschlafen?“
„Du weißt schon wie ich das meine.“
„Damit ich da rein kann wenn ich betrunken bin oder was?“
Wenn wir uns streiten, dann schlafe ich meist in Jannis Zimmer. Nicht, dass er mich dahin schickt, ich gehe ganz von selbst in sein Zimmer. Es fühlt sich zumindest mehr nach zu Hause an, als ein blödes Sofa.
„Nein. Ich dachte nur… irgendwann holen wir vielleicht jemanden zu uns der bei uns bleibt. Irgendwann. Ein Junge. Oder ein Mädchen.“
Ich gucke böse die Decke an.
„Und du kannst ihm oder ihr doch nicht einfach die Decke wegnehmen.“
Ich nehme die Decke, schmeiße sie zurück und knalle die Badezimmertür hinter mir zu. Und dann weine ich ein bisschen alleine.